Als Missionar gescheitert: Mit Eltern über Klima und Ernährung sprechen ist nicht leicht

Der Missionar
Der Missionar

Darf man die Kinder anderer Eltern missionieren? Nein, darf man nicht. Aber wieso sollte man das auch tun wollen? Dies ist ein Bericht über eine gut gemeinte Aktion mit ernüchterndem Ausgang.

Im Sommer 2020 verschickte ich eine Email an 52 Email-Adressen unserer Kita. Da ich Klimagerechtigkeits-Aktivist bin und versuche, die Welt zu retten, war der Inhalt in etwa folgender: „Ich würde gerne mit euch, liebe Eltern, über den Zusammenhang von Klimakrise und Ernährung ins Gespräch kommen. Mich interessiert eure Meinung dazu! Wusstet ihr, dass z.B. Butter (aus Kuhmilch) das Lebensmittel mit dem höchsten CO2-Wert ist? Wäre das nicht vielleicht einen Gedanken wert, dass wir in unserer Kita deshalb auf tierische Produkte verzichten?“

Ich hatte darüber ein Gespräch mit der Kita-Leiterin geführt und sie hatte, da sie grundsätzlich offen für das Thema ist, folgende Idee: „Mach doch mal ein Treffen im Garten der Kita, bei dem dein Sohn, der sich ja vegan ernährt, davon berichtet, was ihr zu Hause so esst. Unter der Bedingung, dass nichts Drastisches oder Manipulatives aufgetischt wird.“

Gute Idee, fand ich.

Von den 52 angeschriebenen Eltern antwortete: niemand.

Mit vier Eltern kam ich in der Zwischenzeit, auf offener Strasse und mit Corona-Abstand, ins Gespräch. Sie schienen offen, aber nicht interessiert. Der eine sagte mir, er möge keine Dogmen, der andere sagte mir, seine Familie möge keine Margarine. Eine Mutter, der ich vorgejammert hatte, dass wir zwar unsere Kinder mit Fahrradhelmen beschützen aber nicht mit Maßnahmen gegen die Klimakrise, antwortete: Ja und manche Kinder tragen Helme, die ihnen zu klein oder zu groß sind, das ist auch nicht gut.

Jonathan Safran Foer zitiert in seinem Bestseller „Wir sind das Klima“ das Worldwatch Institute: „Nutzvieh ist verantwortlich für 51% der weltweiten Treibhausgase (S.112). Auf diesen Wert kommt man, wenn man neben den Rülpsern und Furzen der Rinder, Ziegen und Schafe, neben der Gülle, neben den Transporten des Viehfutters, neben der Waldrodung für das Viehfutter, auch das CO2 einrechnet, das die gerodeten Wälder in Zukunft hätten speichern können.“

Zurück zu meiner Mission: Der Termin für das Gartengespräch zwischen den Kindern in Anwesenheit der Erzieherinnen und mir stand an. Ich schrieb in die WhatsApp-Gruppe: „Liebe Eltern, morgen reden wir, wie angekündigt, über Ernährung und Klima. Schade, dass wegen Corona keine anderen Eltern anwesend sein können.“

Die Büchse der Pandora.

Zwei Familien antworteten prompt in der WhatsApp-Gruppe, also für alle Eltern sichtbar, sinngemäß: „Wir wollen nicht, dass unser Kind missioniert wird. Dein Sohn kriegt doch vegane Würstchen, wenn er bei uns zu Besuch ist, wir erwarten deshalb auch Toleranz von dir. Es ist schwer genug in Corona-Zeiten Betreuung zu finden, ich will für mein Kind ein Alternativangebot zu dieser Missionierungsaktion!“ Der schriftliche Ton, wenn man so sagen kann, war erregt und heftig.

Ich hab den Termin sofort abgesagt.

Bei der nächsten Begegnung auf der Strasse: verkrampftes Lächeln.

Die Klimakrise findet dennoch statt. Wälder brennen, Wälder sterben, Wälder werden abgeholzt. Wir haben noch ca. 10 Jahre, um das 1,5 Grad Ziel zu erreichen. Die Chancen stehen aber schlecht. Autokraten wie Trump, Bolsonaro und Putin schoben und schieben den Karren noch weiter in den Dreck. In Deutschland tanzen wir deshalb mit Extinction Rebellion den Discobedience-Tanz auf der Strasse.

Die Klimakatastrophe wird alle hart treffen. Die Kinder der Klimakrise-Leugner, die Kinder der Klimagerechtigkeits-Aktivisten, die Kinder derer, die sich nicht dazu äußern. Alle gleich hart.

Ein Gespräch unter 6-jährigen über Butter und Fleisch wäre nicht so effektiv wie ein Gespräch zwischen Eltern. Aber es wäre ein Anfang. Ein Gespräch unter Erwachsenen hätte folgen können.

Und das möchte ich jetzt nochmal klarstellen: Ich würde es auch nicht wollen, dass jemand mein Kind missioniert. Vielleicht bei einem einzigen, wirklich sehr wichtigen Thema? Nein! Aber vielleicht ist „missionieren“ hier ja auch das falsche Framing. Wie wäre es mit „miteinander reden“? Das hatte ich in meiner Email vorgeschlagen. In jener Email, auf die leider niemand antwortete.

 

Wer hat ihnen eigentlich ins Hirn geschissen?

Mein 8jähriger macht seine Hausaufgaben zwar trotzdem, den Spruch fand er aber gut
Mein 8jähriger macht seine Hausaufgaben zwar trotzdem, den Spruch fand er aber gut

Neulich bei #fridaysforfuture:  Wir steigen beim Invalidenpark aus der Strassenbahn aus, meine Söhne (8 und 5), drei befreundete #parentsforfuture, und ich, den Stab mit dem Transparent meines Sohnes in der Hand. Heute ist auch Greta Thunberg in Berlin!

Plötzlich steuert ein etwa 60jähriger Mann auf mich zu. Gepflegtes Äußeres, Krawatte, Mantel. Könnte in einer Behörde arbeiten, könnte aber auch Zahnarzt sein. Mit einem breiten Lächeln und in höflichem Ton fragt er mich: „Sagen Sie, gehen Sie auch zu dieser Demo?“

Ich denke: Wohin denn sonst? Antworte freundlich: „Ja, na klar!“

Darauf er, lächelnd: „WER HAT IHNEN EIGENTLICH INS HIRN GESCHISSEN?“

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Die Zombies vom Mount Everest

Meine Frau Jenny und ich auf einer FridaysForFuture-Demo im März 2019

Der Mount Everest ist mit seinen 8848 Metern der höchste Berg der Erde und sein Gipfel wurde im Jahr 1953 zum ersten Mal erobert. Seitdem sind über 200 Bergsteiger dort oben gestorben. Einer der Bekanntesten ist „Green Boots“: Seit 23 Jahren klettern alle Bergsteiger an seiner Leiche mit den grünen Stiefeln vorbei. Wie CNN neulich berichtete, schmelzen die Gletscher auf dem höchsten Berg der Erde rapide und geben nach und nach die Bergsteiger-Leichen wieder frei. Die Klimawandel-Zombies erwachen nach Jahrzehnten des Schlafs im nicht-ewigen Eis. Und das ist leider kein Plot für einen Horrorfilm, sondern das hat etwas mit uns zu tun.

Ich gehöre neuerdings zu einer bundesweiten, ständig wachsenden Gruppe, die sich Parents for Future nennt. Wir Eltern unterstützen mit unserer Anwesenheit bei Demos die Schüler, die unter dem Motto Fridays for Future ein paar Schulstunden nicht besuchen, um stattdessen für eine bessere Klimapolitik auf die Strasse zu gehen. Sie tun das, weil ein Mädchen, das nicht lügen kann und nur dann spricht, wenn es unbedingt nötig ist, ihnen die Wahrheit erzählt: die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg. Sie fragt in ihrer beeindruckenden TED-Rede sinngemäß, warum, wenn die Klimakrise uns alle so bedroht wie die Wissenschaftler es sagen, nicht alle Menschen ständig nur noch darüber sprechen.

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