Mit 60 kann man noch Barista lernen


Neulich saß ich im kleinen Café Nebenan in Neukölln. Ich hatte noch ein wenig Zeit bis zu meinem Termin bei der Osteopathin, die mir meine schmerzenden Gelenke heilen sollte. Während ich meinen ausgesprochen leckeren Soja Latte Macchiato trank, bewunderte ich die liebevoll gemachte Gestaltung des Cafés. Mir gefiel, dass jedes Objekt in diesem Raum mit Bedacht ausgewählt wirkte. Anscheinend war es jemandem wichtig, dass ihm sein eigenes Café gefällt. Da war nichts, was danach schrie, dass unbedingt ganz viele Kunden kommen sollen.

Ich bewunderte und beneidete den Eigentümer dieses Cafés und hatte plötzlich eine Erkenntnis über mich selbst: Ich will spannende Geschichten erzählen, glaubwürdige Charaktere kreieren, interessanten Gedanken nachspüren. Meine Filme will ich mit den Werkzeugen, die mir zur Verfügung stehen, und mit der Kraft, die ich dafür habe, machen. Es soll aber auch noch genug Energie für andere Unternehmungen – und vor allem für Menschen – übrig bleiben. Ich will, dass meine Arbeit mich zufrieden macht. Wenn das der Fall ist, ist schon das Wichtigste erreicht. Wenn ich mir meine eigenen Filme gerne ansehe, ist es gut. Da muss nicht noch viel mehr kommen. 

Was hat das nun mit dem Soja Latte im schnuckeligen Kiez-Café zu tun? Folgendes: Eigentlich will ich auch nur guten Kaffee kochen. Und Kuchen backen, auf Flohmärkten nach Stühlen suchen, Bilder aufhängen. Vielleicht mache ich ja eines Tages mein eigenes Café auf, mit viel Zeit und Bedacht gestaltet, so wie es mir gefällt. Die Frage ist nur: wann? Ich finde ja, Regisseure sollten ab einem gewissen Alter nicht mehr Filme drehen. Ihre Filme bekommen dann oft etwas Seniles. Ich werde dieses Jahr 50. Also gebe ich mir noch 10 Jahre. Mit 60 kann man noch Barista lernen.

 

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