Das erotische Bild vom Kind

Wie sinnlich dürfen Fotos von Kindern in einer Zeitschrift sein?

In der aktuellen Print-Ausgabe der Familienzeitschrift Nido (04/2015) gibt es eine Fotostrecke, die mich sehr nachdenklich macht. (Artikel „All-Inclusive“ ab Seite 68. Die Fotos sind auf der Nido-Website z.Zt. noch nicht online.)

Beim Schreiben darüber merke ich schon, wie es sich in mir dagegen sträubt, diese Bilder zu beschreiben. Es geht in dem Artikel um Pauschalreisen mit Kindern. Was man auf den Fotos sieht, hat starken Lolita-Charakter: Mädchen im vorpubertären Alter, halbnackt, mit von der Hitze erschöpftem Gestus, verträumt, lasziv, selbstbewusst, im Slip und mit nackter Brust, mit Würstchen, Wasserflasche oder Eis am Stiel im Mund.

lolitaposterIch fühle mich an die erotischen Filme meiner Jugend erinnert: Bilitis, Die blaue Lagune, Zärtliche Cousinen, oder eben: Lolita. Ich hätte nicht gedacht, dass solche Bilder in einer Familienzeitschrift in der Post-Edathy-Zeit möglich sind.

Aber warum regt es mich auf? Ich suche und finde: Das Bild vom einsamen Mann, der sich diese Fotos lange anschaut und dabei seine Fantasien hat. Ich denke: Diese Kinder sind schutzlos dem phallischen Blick ausgeliefert. Da schreit es in mir: Skandal! Wie können die Nido-Redakteure so etwas veröffentlichen!?

Mir fällt aber auch eine Szene ein, die mit mir zu tun hat: Als ich vor einiger Zeit meine Jungs von der Kita abholte, kam ein kleines Mädchen mit langem Haar und Röckchen auf mich zu und fragte mich „Wer bist du?“. Ich hockte auf dem Boden, zog meinem Kleinsten die Jacke an, und dieses Mädchen setzte sich auf mein Knie, schmiegte sich an mich als würden wir uns kennen, und dann erzählte sie mir von ihrem Tag. Das Kind war reizend. Ja: reizend. Wieviel weibliche Erotik in so einem harmlosen Frühstadium der Frau stecken kann! Die Haare, der Duft, die Stimme, die plötzliche Nähe. Ich zog meine Söhne fertig an, wir verabschiedeten uns von den Erzieherinnen und den Kindern und gingen.

Es gibt Männer, für die solche Impulse der Anfang großer sexueller Empfindung sind. Angeblich gibt es mehr Pädophile als wir ahnen (Dunkelziffer).

„Wenn jemand meinen Kindern etwas antun würde, würde ich ihn umbringen!“ Diesen Satz habe ich von anderen Eltern so oder ähnlich gehört. Und es ist auch mein Satz. Wenn ich erleben würde, wie jemand meinen oder anderen Kindern etwas Böses tut, würde ich zum Löwen werden, alle zivilisatorischen Grenzen sprengen und die Wehrlosen mit allen Mitteln beschützen.

Aber was ist mit diesen anderen Gefühlen? Und vor allem, was ist nun mit diesen Nido-Fotos? Will ich die in dieser sympathischen Familie-Lifestyle-Zeitschrift, die ich abonniert habe, sehen oder nicht? Nein, ich will in diesem Heft nicht provoziert werden, weder erotisch noch moralisch.

Andererseits: Wenn wir Fotos von Kindern im hochsommerlichen Ambiente nicht zulassen würden, sie sogar tabuisieren würden, wie ich es jetzt am liebsten täte, akzeptierten wir dann nicht stillschweigend die Existenz dieser pädophilen Bedrohung? Der Bedrohung unserer Brut, die wir ja so selbstverständlich und instinktiv und selbstaufgebend sofort und überall beschützen möchten? Wo endet der Beschützer-Reflex und wo beginnt der Zensur-Reflex?

 

2 Gedanken zu „Das erotische Bild vom Kind

  1. Du bringst es genau auf den Punkt. Ich empfinde das auch so. Letztendlich liegt es in der Verantwortung der Zeitschrift, inwiefern sie mit diesen Bildern/Klischees spielen will. Sollte es da diese Anklänge geben, würde ich dazu raten, es lieber zu lassen! Wenn ich LeserIn dieses Blattes wäre, würde ich einen Leserbrief schreiben.

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