Ich habe eine Frage gefunden!

Neulich saß ich mit jemandem zusammen, mit dem ich schon nach kurzer Zeit nicht mehr zusammen sitzen wollte. Obwohl ich mir große Mühe gab, freundlich zu sein, wurde mir später gesagt, ich sei angsteinflößend gewesen. Ich kenne das: Ich fühle mich nicht wohl in einer Situation, möchte weg, glaube, ein interessiertes Gesicht zu machen, aber in Wahrheit zeige ich, wie langweilig oder anstrengend ich den Anderen finde.

Auf dieses Problem habe ich nun eine Antwort gefunden und sie ist eine Frage. Zu dieser Selbsterkenntnis verhalf mir unter anderem ein MBSR-Kurs, den ich in den letzten Wochen besuchte. MBSR = Mindfulness Based Stress Reduction. Stressbewältigung durch Achtsamkeit. Was passiert während so eines Kurses? Es wird vor allem viel in sich selbst hineingehorcht. Man schaltet sein Smartphone auf Flight Mode und verbringt dann zum Beispiel viel Zeit mit dem Essen einer einzigen Rosine. Sehr zu empfehlen. Es geht um Achtsamkeit sich selbst gegenüber, bevor es zu spät ist.

Wenn ich mich das nächste Mal in einer Zwickmühle wie oben beschrieben befinde werde, möchte ich mir rechtzeitig, und das rechtzeitig ist wichtig, die Frage stellen: Wie geht es mir jetzt? Anstatt nur spontan zu reagieren, zu leiden und mir rasende Gedanken über Fluchtwege zu machen, werde ich innehalten, ein- und ausatmen, und dann, hoffentlich, eine geschmeidige Handlungslösung finden. Ich glaube, das ist die Frage der Fragen: Wie geht es mir jetzt?

Apropos Rosine: Ich habe mir nun angewöhnt, achtsamer zu essen. Jetzt stopfe ich nicht mehr so oft irgendwas Essbares in mich hinein, während ich durch die Wohnung laufe. Auch das Lesen während des Essens vermeide ich. Immerhin ist Essen ein sehr intimer Vorgang, innerlicher geht es ja nicht. Ich bilde mir sogar ein, daß ich auf diese Weise weniger esse. Aber das wird sich noch zeigen.

 

Wo sind all die Bücher hin?

P1020103Vom Sinn oder Unsinn der bürgerlichen Bücherwand

Mein Leben lang hatte ich Bücherregale. Zu Schulzeiten waren es circa 1 mal 1 Meter, zu Studentenzeiten 1,5 mal 2 Meter. Das Regal wuchs mit mir mit, letztes Jahr war es, zusammen mit den Büchern meiner Frau, 3,50 mal 2,30 Meter groß. Dann nahm meine Frau ihr Smartphone und scannte etwa die Hälfte der Bücher mit einer App – wenige Tage später waren diese Bücher per Post an einen Online-Buchhändler gegangen. Sie waren weg! Diesem barbarischen Akt waren viele Gespräche vorweg gegangen, in denen wir besprochen und beschlossen haben, uns von manchen Büchern zu trennen. RegalMitPippiAuch DVDs und CDs haben wir verkauft. Die Fotos hier zeigen unsere zentrale Wohnzimmerbibliothek vor und nach dieser Inventur. Allerdings sieht man nicht die Bücher, die uns lieb und teuer sind, denn die stehen jetzt in einem anderen Raum. Das zweite Foto trügt also ein bißchen. Es sind noch Bücher da.
Worauf ich aber hinaus will: Ich stelle mir die Frage, ob Bücherwände ein Generationending sind. Mein Vater hatte tausende Bücher, in seiner Wohnung waren alle Wände mit überfüllten Regalen bedeckt. Als ich nach seinem Tod den Haushalt auflösen musste, hat ein Antiquar vier Tage gebraucht, um alle Bücher abzuholen. In den bürgerlichen Wohnungen der umliegenden Häuser hier in Berlin-Wilmersdorf sieht man sie auch noch, die gute alte Bücherwand. Bei uns nun nicht mehr.
Als meine Mutter unser leeres Regal sah, bekam sie einen Schock. Sie war der Meinung, ich hätte alle Geschenke meiner Eltern weggeschmissen. Das habe ich nicht. Und es half auch nicht, meiner Mutter zu zeigen, daß alle wichtigen Bücher noch da waren.

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Lebensmitte = Wendepunkt? Verdammte Erfahrung!

Ich gehe zum Arzt, bitte um ein Arzneimittel, und während er noch online in der roten Liste nachschaut, erkläre ich ihm alles über dieses Mittel, was er wissen möchte. Ich gehe in den Apple Store, frage zwei Verkäufer nach den technischen Details eines Produkts und merke, daß sie beide weniger Ahnung von dem Ding haben als ich. Ich lese ein ZEIT Magazin zum Thema Geldanlage und stelle am Ende fest, daß ich nichts Neues erfahren habe.

Die meisten Fachleute, die meiste Fachliteratur, Journalismus, Blogs oder Romane langweilen mich. Das ist ein Gefühl und kein Fakt, niemand muss mir zu meinem Allwissen gratulieren. Dennoch frage ich mich manchmal: Habe ich das Ende einer Fahnenstange erreicht? Verdammte Erfahrung! Sie führt zu einem Ende, oder einem Wendepunkt, was weiß ich. Daß ich mir meinen Kindern gegenüber wie ein wandelndes Lexikon vorkomme, als Papapedia sozusagen, gehört natürlich auch zu diesem Gefühl.

Ich liebe meinen Beruf als Filmregisseur, mache ihn gerne, kann ihn gut. Und dennoch habe ich in letzter Zeit manchmal diesen Gedanken: Man könnte ja auch nochmal was anderes im Leben machen. Etwas, wo man lernen kann und muss. Sich entwickeln. Früher las ich ein Buch oder die ZEIT von vorne bis hinten und hatte dabei die Sorge, irgendetwas übersehen zu können. Heute überfliege ich die Zeitung und lese von den meisten Büchern nur die ersten zehn Seiten, weil ich ständig denke: Erzählt mir etwas, das ich noch nicht weiß! Selbst bei Filmen denke ich oft: Muss ich nicht zu Ende sehen, weiß sowieso, wie es ausgeht.

Ein Freund von mir war jahrelang erfolgreicher Werbefilmregisseur. Heute arbeitet er auf einem Kreuzfahrtschiff und leitet dort die Fahrradausflüge. Er scheint sehr zufrieden zu sein. Ein befreundetes Ehepaar von 50 Jahren adoptiert gerade ein Kind. Wenn das kein Wendepunkt ist. Eine andere Freundin ist begnadete Cutterin – vor ein paar Jahren eröffnete sie eine Modeboutique.

Ich könnte noch ein paar Menschen aufzählen, die sich in der Mitte ihres Lebens neu orientiert haben und damit anscheinend glücklich sind. Sich neu erfinden, weil der bisherige Weg inzwischen mit so vielen Erfahrungen gepflastert ist. Wie ist denn das? Geht es allen um die 50 so? Ist das Leben des Menschen inzwischen so lang, daß es für zwei Leben reicht?