Weil ich leben möchte!

Neulich fragte mein Dreijähriger meine Frau „Mama, wann sterben wir?“ Sie antwortete „Wenn wir alt sind oder sehr krank. Hast du Angst davor?“ „Ja, weil ich leben möchte!“

Am nächsten Tag sagte unser Sechsjähriger zu mir „Papa, ich bin froh, dass ich noch so jung bin. Dann muss ich nämlich nicht so früh sterben wie du.“

Danach kaufte ich zwei Pflanzen, einen Elfenspiegel und eine französische Fleischtomate, und pflanzte sie auf unserem Balkon ein.

Wie kann es sein, dass die beiden Kleinen sich schon so früh mit dem selben Thema beschäftigen wie ich, der ich auf die 50 zugehe? Ich erzähle ihnen ja nichts von meinen Gedanken über das Leben und den Tod. Kinder, es ist noch zu früh, um sich über das Sterben Gedanken zu machen, ihr seid noch jung!  

Habe ich in dem Alter die gleichen Fragen gestellt? Wahrscheinlich könnten mir das meine Eltern gar nicht mehr sagen.

Als meine Jungs vor ein paar Monaten einen toten Gecko begruben, sagte der Kleine „Der arme Gecko, er ist tot aber er lebt jetzt.“ Und sein älterer Bruder widersprach: „Nein, er lebt nicht mehr.“ „Doch, er ist tot aber er lebt jetzt.“ So ging das eine Weile, bis mir vor Rührung fast die Tränen kamen.

 

Ist der Berg ein Mann oder eine Frau?

Foto unbearbeitet

Seit 6 Wochen bin ich in der Steiermark, um hier zwei Filme für die ZDF-Reihe „Die Bergretter“ zu drehen. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte den Dachstein wie ein hartes Ei mit dem Messer durchschlagen und aufklappen, um zu sehen, was in ihm drin ist.

Im Film „Der Berg ruft“ (1938) sagt Luis Trenker sinngemäß, daß er dorthin will, wo vor ihm noch nie jemand war: Auf den Gipfel des Matterhorns. Das große Ding muss bezwungen werden. Wenn er es nicht schafft, bevor sein Konkurrent es macht, dann bleibt er unzufrieden bis ans Ende seines Lebens.

Der Berg muss gestürzt werden. Aber wenn man von ihm runterfällt (passiert in den meisten Bergfilmen), dann landet man wiederum in seinem Schoß. In „Die weisse Hölle vom Piz Palü“ (1929) fällt ein Mensch in eine Bergspalte und wird für immer verschlungen. Erlöst vom Zwang, die Spitze zu erklimmen.

Neulich fragte ich einen sehr erfahrenen Bergführer, der mich bei den Dreharbeiten berät: „Ist der Berg ein Mann oder eine Frau?“
Der Dachstein, die Scheichenspitze!“, antwortete er ohne zu zögern.
„Ja, aber bezwingt man einen Mann oder besteigt man eine Frau, wenn man den Gipfel erreicht? Wie fühlt sich das an?“
„Geschlechtsneutral!“, beharrte er. „Der Berg gibt mir die Erlaubnis, ihn zu besteigen. Ich will ihn nicht bezwingen. Denn dann wäre er ja mein Feind. Er ist aber mein Freund!“

(Das große Foto oben ist unbearbeitet. Die drei Bilder unten sind mit Hipstamatic gemacht.)

 

Sag mal, Papa, wie lange lebst du noch?

Gespräch auf dem Weg zum Kinderladen:

Sag mal, Papa, wie lange lebst du noch?

Weiß nicht. Vielleicht einen Tag, vielleicht ein Jahr, vielleicht 20 Jahre.

Ich finde, du musst noch 20 Jahre leben!

Ach ja? Wie schön.

Ja, du musst doch erst noch mein Papa sein und dann musst du noch Opa werden und dann kannst du sterben. Nach 20 Jahren. Oder 21.

 

 

Was ist eigentlich ein Rest-Sonntag?

Bildschirmfoto 2016-01-13 um 10.51.33Als ich neulich meinem Nachbarn begegnete, wünschte er mir „Einen schönen Rest-Sonntag noch!“. Er sagt das immer so. Es gibt bei ihm auch „Rest-Wochenenden“ und „Rest-Abende“, je nachdem wann man ihm begegnet. Ich bedanke mich immer höflich, wünsche „ebenfalls!“, und frage mich anschließend: Was ist jetzt mein „Rest“? Mein Nachbar fordert mich also regelmäßig dazu auf, meine restlichen Stunden zu zählen. Aber will ich das?

Gestern war ich zum ersten Mal in Berlins größtem Spa in der Nähe des Hauptbahnhofs. Als ich nach drei Saunagängen, zwei Massagen und einem Nickerchen wie neugeboren die Rechnung bezahlte, wünschte mir die junge Dame an der Kasse freundlich eine „schöne Rest-Woche“. Schwupps war es weg, das Neugeborenen-Gefühl. Man hatte mich mal wieder auf die verbleibenden Tage hingewiesen. Rest-Zeit für die noch unausgesprochenen Worte, die noch ungetätigten Taten, die noch möglichen Veränderungen. Es scheint eine neue Mode zu sein, das mit dem „Rest“. „Schönen Rest-Tag noch!“ ist das neue „Schönen Tag noch!“: Genauso banal, aber ein bisschen infamer.

Nein, ich werde den Leuten in Zukunft nicht „Ein schönes Rest-Leben noch!“ wünschen. Aber ich könnte es. Es liegt mir auf der Zunge.

 

Gewehre und Pistolen

Heute fand ich in der ZEIT dieses Kunstwerk: „On the Topic of Hunting“ (2015) von Mark Dion. Man kann es im Neuen Berliner Kunstverein kaufen. Was für ein Symbol, dieser schlaffe Lauf! Man muss schon ein ganzer Mann sein, um mit einem Gewehr auf ein nichtsahnendes Tier zu schiessen. Oder auf einen Menschen.

Mark_Dion_Topic_of_Hunting

Dions Kunstobjekt erinnerte mich an ein Objekt meines Vaters Konrad Balder Schäuffelen: „Duellpistolen“ von 1982. Man müsste schon ganze zwei Männer sein, um hier die Abzüge zu drücken. Was für eine politische Aktualität in diesem Ding steckt! Männer, die mit geladenen Pistolen gleichzeitig die Welt in Atem halten gibt es mal wieder so viele.

Schäuffelen_Duell_Pistolen

Und was für ein seltsames Wort: „Pistole“. Spricht man es mehrmals hintereinander aus, wird es immer sonderbarer. Man kann „Systole“ oder „Phiole“ assoziieren. Alternativ auch „pipole“ oder „people“. Oder „pissen“. Dabei stammt dieses Wort aus der Sprache meiner Mutter, nämlich aus dem Tschechischen. Es kommt von píšťala (Pfeife, Flöte). Wie harmlos sich das Wort plötzlich für mich anfühlt, wenn ich an einen kleinen Jungen denke, der vergnügt auf seiner píšťala spielt.

 

Pariser Flair – jetzt?

Diesen Trailer habe ich im Sommer dieses Jahres gedreht und im Herbst fertiggestellt. Er zeigt die musikalische Arbeit meiner Frau und ihrer Kolleginnen. Sie singen über Paris.

Seit den Terroranschlägen vom 13.11. dachte ich: Verglichen mit diesen furchtbaren Ereignissen ist mein Film nur eitel und banal – das kann man jetzt nicht zeigen. Wie könnte man jetzt noch über das Flanieren auf den Champs-Élysées singen? Davon erzählen, in wen Edith Piaf wann verliebt war und wer in sie verliebt war? Das wäre doch taktlos!

Inzwischen habe ich viel nachgedacht und diskutiert und die Damen vom „Pariser Flair“ haben schon Konzerte gegeben. Sie machten eine Schweigeminute auf der Bühne und sangen dann trotz allem über Paris. Und das Publikum schloss sich ihnen begeistert an. Das hat mich beeindruckt.

Helge Schneider sagte neulich in einem Video sinngemäß, daß er, wenn er wegen der Terrorgefahr an einem Tag nicht spielen dürfe, selbstverständlich am nächsten Tag spielen werde. Auch das fand ich gut.

Ich höre jetzt auf zu grübeln und teile heute meinen Trailer. Das Programm handelt nämlich nicht nur von dieser großartigen Stadt Paris, sondern von unserer Art, hier in dieser Gesellschaft von freien, gleichen und brüderlichen Menschen zu leben und zu lieben. Das lasse ich mir nicht nehmen. Heute erst recht Pariser Flair – und morgen wieder!

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Duo Pariser Flair sind:
Marie Giroux, Mezzosopran und Querflöte
Jenny Schäuffelen, Klavier und Akkordeon
bei ihrem Programm „Madame Piaf“ werden sie von Frédérique Labbow (Cello) unterstützt
Schnitt des Trailers: Tracey Gudwin
Regie, Kamera und Produktion: ich

 

Wo sind all die Bücher hin?

P1020103Vom Sinn oder Unsinn der bürgerlichen Bücherwand

Mein Leben lang hatte ich Bücherregale. Zu Schulzeiten waren es circa 1 mal 1 Meter, zu Studentenzeiten 1,5 mal 2 Meter. Das Regal wuchs mit mir mit, letztes Jahr war es, zusammen mit den Büchern meiner Frau, 3,50 mal 2,30 Meter groß. Dann nahm meine Frau ihr Smartphone und scannte etwa die Hälfte der Bücher mit einer App – wenige Tage später waren diese Bücher per Post an einen Online-Buchhändler gegangen. Sie waren weg! Diesem barbarischen Akt waren viele Gespräche vorweg gegangen, in denen wir besprochen und beschlossen haben, uns von manchen Büchern zu trennen. RegalMitPippiAuch DVDs und CDs haben wir verkauft. Die Fotos hier zeigen unsere zentrale Wohnzimmerbibliothek vor und nach dieser Inventur. Allerdings sieht man nicht die Bücher, die uns lieb und teuer sind, denn die stehen jetzt in einem anderen Raum. Das zweite Foto trügt also ein bißchen. Es sind noch Bücher da.
Worauf ich aber hinaus will: Ich stelle mir die Frage, ob Bücherwände ein Generationending sind. Mein Vater hatte tausende Bücher, in seiner Wohnung waren alle Wände mit überfüllten Regalen bedeckt. Als ich nach seinem Tod den Haushalt auflösen musste, hat ein Antiquar vier Tage gebraucht, um alle Bücher abzuholen. In den bürgerlichen Wohnungen der umliegenden Häuser hier in Berlin-Wilmersdorf sieht man sie auch noch, die gute alte Bücherwand. Bei uns nun nicht mehr.
Als meine Mutter unser leeres Regal sah, bekam sie einen Schock. Sie war der Meinung, ich hätte alle Geschenke meiner Eltern weggeschmissen. Das habe ich nicht. Und es half auch nicht, meiner Mutter zu zeigen, daß alle wichtigen Bücher noch da waren.

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Verfall #2 Fontana und die Sonne

Die Sonne macht an verschiedenen Stellen Berlins aus diesen Plakaten der BVG Kunstwerke im Stil von Lucio Fontana. Ich bewundere diesen Künstler, er machte Schlitze in Leinwände und ließ sie dadurch dreidimensionalen werden. Die Sonne macht das in trashiger Weise auch. Bleibt die Frage, warum die BVG die Plakate nicht austauscht. Sinn für Kunst?

 

Lebensmitte = Wendepunkt? Verdammte Erfahrung!

Ich gehe zum Arzt, bitte um ein Arzneimittel, und während er noch online in der roten Liste nachschaut, erkläre ich ihm alles über dieses Mittel, was er wissen möchte. Ich gehe in den Apple Store, frage zwei Verkäufer nach den technischen Details eines Produkts und merke, daß sie beide weniger Ahnung von dem Ding haben als ich. Ich lese ein ZEIT Magazin zum Thema Geldanlage und stelle am Ende fest, daß ich nichts Neues erfahren habe.

Die meisten Fachleute, die meiste Fachliteratur, Journalismus, Blogs oder Romane langweilen mich. Das ist ein Gefühl und kein Fakt, niemand muss mir zu meinem Allwissen gratulieren. Dennoch frage ich mich manchmal: Habe ich das Ende einer Fahnenstange erreicht? Verdammte Erfahrung! Sie führt zu einem Ende, oder einem Wendepunkt, was weiß ich. Daß ich mir meinen Kindern gegenüber wie ein wandelndes Lexikon vorkomme, als Papapedia sozusagen, gehört natürlich auch zu diesem Gefühl.

Ich liebe meinen Beruf als Filmregisseur, mache ihn gerne, kann ihn gut. Und dennoch habe ich in letzter Zeit manchmal diesen Gedanken: Man könnte ja auch nochmal was anderes im Leben machen. Etwas, wo man lernen kann und muss. Sich entwickeln. Früher las ich ein Buch oder die ZEIT von vorne bis hinten und hatte dabei die Sorge, irgendetwas übersehen zu können. Heute überfliege ich die Zeitung und lese von den meisten Büchern nur die ersten zehn Seiten, weil ich ständig denke: Erzählt mir etwas, das ich noch nicht weiß! Selbst bei Filmen denke ich oft: Muss ich nicht zu Ende sehen, weiß sowieso, wie es ausgeht.

Ein Freund von mir war jahrelang erfolgreicher Werbefilmregisseur. Heute arbeitet er auf einem Kreuzfahrtschiff und leitet dort die Fahrradausflüge. Er scheint sehr zufrieden zu sein. Ein befreundetes Ehepaar von 50 Jahren adoptiert gerade ein Kind. Wenn das kein Wendepunkt ist. Eine andere Freundin ist begnadete Cutterin – vor ein paar Jahren eröffnete sie eine Modeboutique.

Ich könnte noch ein paar Menschen aufzählen, die sich in der Mitte ihres Lebens neu orientiert haben und damit anscheinend glücklich sind. Sich neu erfinden, weil der bisherige Weg inzwischen mit so vielen Erfahrungen gepflastert ist. Wie ist denn das? Geht es allen um die 50 so? Ist das Leben des Menschen inzwischen so lang, daß es für zwei Leben reicht?

 

Was will das Kind?

IMG_1099bDas Kind kommt auf die Welt und will etwas. Bei meinen Söhnen war das deutlich zu sehen. (Ich war bei ihren Geburten dabei.) Sie kamen hervor und sagten nicht nein. Sie wollten raus und sie wollten Muttermilch.

Später wurde es aber ineressanter. Sobald er wach war, wollte mein erster Sohn irgendwohin, irgendwas haben. Bevor er einschlief, war es auch so. Das war manchmal problematisch, aber immer faszinierend. Das Wollen kann viel stärker sein als die Müdigkeit.

Aber was treibt die Kinder an? Sie sitzen oder stehen da, einjährig oder dreijährig, haben von der Welt noch keine Ahnung, wissen nicht, was interessant und was langweilig ist – und krabbeln oder rennen los. Bewegen sich auf etwas zu. Wollen es anfassen, festhalten, irgendwie benutzen. Und dann das hier! Und dann das andere!! Und bloß nicht hergeben!!!

Ich nenne es das pure Wollen.

Ich habe es in dieser Form nicht mehr, dieses permanente Vorwärts, dieses IchWillMachen! Verliert man das mit dem älter werden? Oder mit dem Eltern werden? Weil man es abgibt, die Kleinen es ab jetzt übernehmen? Nicht daß ich nicht etwas wollen würde, aber bei mir gibt es meist erst eine Idee, basierend auf einer Überlegung oder einer Notwendigkeit, dann einen Plan, eventuell eine Vertagung, manchmal auch eine Verdrängung. Wenn ich etwas mache, hat es meist so viele Filter der Vernunft durchlaufen, das ich meine Freude daran mit der nackten Freude der Kinder gar nicht vergleichen kann.

Klar kann man sagen, das Kind sei halt neugierig. Aber warum? „Was will das Kind?“ weiterlesen